Ich habe ein besonderes Verhältnis zu den Briten. Mein Freund ist Engländer und deshalb bin ich oft in London. Stets haben die Briten mich mit großer Freundlichkeit willkommen geheißen und immer gab es viel zu lachen. Ja, die Engländer sind sehr herzlich. Hat man es geschafft einen Fuß auf ihre Insel zu setzen, dann gehört man auch schon fast zu ihnen. Und weil ich gerne an sie denke, lag es nahe auch einmal die britischen Kriegsgräber auf dem Ohlsdorfer Friedhof aufzusuchen. Aber ich will es gar nicht verheimlichen, meine Erwartungen waren niedrig. Ich hatte es eher unter ‘Pflichtbesuch’ eingeordnet. Gewaltsamer Tod ist nun mal durch nichts zu rechtfertigen. Ein wettermäßig eher trister Morgen, schien mir für mein Vorhaben gerade passend zu sein. Und damit machte ich genau denselben Fehler, den ich schon viele Male bei meinen Besuchen auf der Insel gemacht habe, denn es kam stets ganz anders und immer sehr viel besser als erwartet.

Erst einmal kann ich die Gräber nicht finden. An einer dicht überwachsenen Stelle wurden alte Steine an eine Tanne gelehnt. Sollten das die Überreste sein? Nein, natürlich nicht. Als ich ein paar Schritte weitergehe staune ich nicht schlecht. Da liegt ein großes, helles, sehr freundlich wirkendes Areal vor mir. Keine Frage, das sind die British War Graves.

 

 

Ich gehe um das Feld herum und finde dann am schmalen Ende eine richtige Eingangspforte. Ein Flügel steht offen, lädt mich zum Eintreten ein. Mir ist klar, dass hier gefallene Soldaten liegen und doch empfinde ich spontan diesen Ort als hell und freundlich. Der Engländer würde sagen ‘proper’ und das ist genau das passende Wort.

 

 

Ich bin überrascht wie viele Grabsteine hier stehen, es sind sicherlich einige hundert Gräber. Alle sehen gleich aus, sehr gepflegt. Und dann der Rasen! Das ist echter englischer Rasen, so etwas findet man bestenfalls noch auf dem Golfplatz. Eigentlich untypisch für den Ohlsdorfer Friedhof, denn dort schätzt man natürliche Wiesen, mit Blumen, Kräutern und sogenannten Unkraut. Aber da ist noch etwas anderes, was mich ziemlich verwirrt. Ich bin mir ganz sicher, diesen Friedhof zu kennen, obwohl ich noch nie in meinem Leben hier gewesen bin. Erst Tage später kann ich dieses Rätsel lösen.

 

 

Alle Grabsteine sind einheitlich gestaltet. Schöner, glatter, weißer Sandstein. Ich mag es mit der Hand darüber zu streichen, denn sie fühlen sich warm an. Auf allen Steinen sieht man ganz oben das Wappen der Einheit eingemeißelt, darunter Name und Dienstgrad des Soldaten. Dann der Todestag und sein Alter. Die meisten Männer sind jung, sehr jung gestorben. Ich lese immer wieder: AGE 19, AGE 21 … Etwa in der Mitte des Areals sind einige Kissengräber. Darauf finde ich Namen von Frauen und Kindern. Wie passt das zusammen? Warum sind diese Briten hier beerdigt und wieso sind sie fast alle nach Ende des zweiten Weltkrieges gestorben?

 


Kriegsende in Hamburg

Hamburg wurde am Abend des 3. Mai 1945 kampflos an die Briten übergeben. Generalmajor Wolz und Brigadegeneral Douglas Spurling trafen vor dem Rathaus zusammen. Die Strassen menschenleer, nur einige Polizisten achteten darauf, dass die Bevölkerung die strikte Ausgangssperre einhielt. Dann begann die britische Besatzungszeit. England, die Siegermacht, behandelte die Hamburger Bevölkerung so respektvoll wie nur irgend möglich. Man erlaubte beispielsweise dem Senat einen Mann vorzuschlagen, der dann Bürgermeister sein sollte. Die Wahl fiel auf Rudolf H. Petersen, einer der wenigen verfügbaren Politiker ohne Nazi-Vergangenheit. Schon am 4. Mai geht ‘Radio Hamburg’ auf Sendung und informiert die Deutschen über die Konzentrationslager in ihrem Land. Einen Tag später wird die Ausgehsperre tagsüber gelockert. Am 9. Mai wird dann im Radio die Rede Churchills übertragen, die er in London hielt, nachdem Deutschland bedingungslos kapituliert hatte. Der Krieg war vorbei, das Elend aber nicht. 

In der britischen Armee, die jetzt die völlig ins Chaos gefallene Hansestadt wieder lebensfähig machen sollte, dienten viele Soldaten aus den Commonwealth Ländern. Sie kamen aus Australien, Neu Seeland, Canada und allen Teilen der Welt. Erst einmal mußten aber die Männer untergebracht werden und dazu besetzte man Häuser in Eppendorf. Die Mieter waren entsetzt. Nun mussten sie doch noch packen, wo sie sich doch schon so gefreut hatten, dass die Bomben ihre Strassenzüge verfehlt hatten. Aus der Isestrasse, dem Nonnenstieg und der St. Benedikt Strasse mussten fast 40.000 Hamburger noch doch noch ihre Wohnungen räumen. Dort wohnten dann die Engländer und warteten darauf, dass ihre neuen Hochhäuser am Grindelhof fertiggebaut waren. Heute wissen wir, dass es dazu gar nicht mehr kam. Die Besatzer zogen schon vorher wieder ab. Im Sommer 1945 konnte aber niemand damit rechnen, wie rasant der Aufbau gelingen sollte.

Trotz erster Widrigkeiten war der Kontakt zwischen Hamburgern und Briten ein relativ entspannter und guter. Das führt dann auch dazu, dass gut ein Jahr später das Heiratsverbot aufgehoben wurde. Oder besser gesagt: aufgehoben werden mußte. Ab August 1946 durften die Tommies deutsche Frauen heiraten und das wurde auch höchste Zeit, weil der Nachwuchs bereits im Kinderwagen lag. Noch ein Umstand muß erwähnt werden. Der entsetzliche Winter 1946/47. Er war bitterkalt, die Temperaturen fielen nachts bis auf -25° ab. Es gab in der ganzen Stadt keine Kohle mehr, das Holz war restlos verfeuert und der Strom fiel ganztägig aus. In den Krankenhäusern konnte weder geheizt noch gekocht werden. Schulen blieben geschlossen. Die Menschen, die sowieso noch von den Kriegsjahren ausgemergelt waren, starben an der entsetzlichen Kälte oder verhungerten in ihren behelfsmäßigen Wohnungen. Das Elend war in diesem Winter größer als in den Kriegsjahren. In der Not entschloss sich dann der inzwischen eingesetzte Bürgermeister Max Brauer die Engländer um Hilfe zu bitten. Er geht zum Generalgouverneur Brain Robertson und fleht ihn an: “Helft den Hamburgern, die Menschen sterben in der Kälte. Wir haben keine Vorräte mehr und sind am Ende unserer Kraft.” Eine bemerkenswerte Bitte an einen ehemaligen Kriegsfeind. Aber die Briten haben Anstand und so fordert Robertson Kohlenzüge von seiner Regierung an, die auch tatsächlich beladen werden und einige Tage später in Hamburg eintreffen.


 

Erst als ich mich mit einem Mitarbeiter im Museum des Ohlsdorfer Friedhofs über den Britischen Kriegsfriedhof unterhalte, fange ich an zu verstehen, wer hier beerdigt worden ist. Dazu muß man wissen, das es neben diesem Garnisons-Friedhof noch zwei wesentlich größere Grabfelder gibt, die ich in eigenen Beiträgen vorstelle. Auf dem hier vorgestellten Platz liegen Soldaten aus dem Vereinigten Königreich und aus vielen Commonwealth Ländern. Diese Männer starben während der Besatzungszeit an Verletzungen, Krankheiten oder auch an den Folgen des Kältewinters 1946/47. Das erklärt auch, warum hier Ehefrauen und kleine Kinder beigesetzt wurden.

 

Corporal Godfrey Dye starb am 13. Juni 1954. Er wurde 22 Jahre alt. Ich kenne ihn nicht, wie auch, denn ich war an dem Tag gerade 24 Stunden alt. Er geht mir nicht aus dem Kopf.

 

Ausserdem hat man hier auch die Fliegerbesatzungen bestattet, die während der Berliner Luftbrücke (Juni 1948 – Mai 1949) abgeschossen wurden. Und man muß wissen, dass hier in Hamburg ein zentraler britischer Kriegsgräberfriedhof für ganz Norddeutschland eingerichtet wurde. Das passierte aber erst später. Also viele der Männer, die hier ruhen, wurden in Ohlsdorf ein zweites Mal bestattet. Zuhause finde ich dann heraus, dass ich mich auf exterritorialen Boden befunden hatte! Der gesamte britische Friedhof gehört staatsrechtlich dem United Kingdom und wird von der Commonwealth War Graves Commission (CWGC) verwaltet. Und da begreife ich dann endlich, warum mir das alles von Anfang an sehr bekannt vorkam. Natürlich! In London, South-Hampstead, war ich mit meinem Freund auf dem Kensal Green Cemetery.  Dort sieht es ganz genau so aus wie hier in Hamburg Ohlsdorf. Denn die CWGC kümmert sich weltweit um britische Kriegsgräber und schreibt eine strikt einheitlich Gestaltung der Gräber vor. Nicht nur die Grabsteine sind überall aus weissen Sandstein, nein, es gibt sogar einen weltweit gültigen Bepflanzungsplan. Wobei natürlich klimatische Unterschiede in der Wahl der Pflanzen berücksichtigt werden. Unverzichtbar sind der englische Rasen und die englischen Rosen. Wußten Sie übrigens, dass der Engländer 44 verschiedene Rasensorten kennt? Ich dachte immer es gebe nur einen grünen Rasen. Manchmal pingelig kurz geschnitten, manchmal knietief belassen. Weit gefehlt.

 

Der Soldatenfriedhof der bitischen Garnison Hamburg. Nächste Woche wird ein buntes Blumenmeer zu sehen sein. Ich glaube, ich komme dann wieder vorbei.

 

Einen Besuch auf dem Britischen Kriegsgräberfriedhof kann ich Ihnen sehr empfehlen. Auch wenn Sie keinen Engländer ihr ‘Eigen’ nennen. Gerade im Sommer finden Sie auf diesem Platz ein Blütenmeer und dass die Engländer davon etwas verstehen, hat sich wohl herumgesprochen.

 

 

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