Mein Großvater John Peters. Freunde nannten ihn Silberjonny, ich gab ihm den Namen Goffi.

Zufällig erfahre ich, dass die Hamburger Johannisloge der Freimaurer*) einen eigenen Begräbnisplatz auf dem Ohlsdorfer Friedhof hat. Ich bin sehr gespannt, denn mein Großvater gehörte der Loge an und war immerhin ‘Zweiter Aufseher’ und damit einer der Kandidaten für den Meisterstuhl. Dazu kam es aber nicht, denn Großvater verließ die Loge irgendwann in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er starb zehn Jahre später und mußte sich dann natürlich sein eigenes Grab erwerben. Immerhin gleich hinter der großen Christusfigur am Haupteingang. Das ist durchaus erste Lage. Und noch etwas kann ich verraten. Mein Großvater starb eines natürlichen Todes, was beweist, dass man auch die Freimaurerzugehörigkeit schadlos kündigen kann. Warum er es machte, haben wir allerdings nie erfahren.

*) Bei dem Gräberfeld über das ich hier schreibe, handelt es sich wohl um die Loge “Phoenix zur Wahrheit”. Mein Großvater gehörte der Loge “Zu den drei Rosen” an.  Es gibt noch etliche andere alleine in Hamburg, alle sind im Dachverband “Johannisloge” vereint.

Auf jeden Fall waren meine Erwartungen hoch, als ich mich auf die Suche des Logenfriedhofes machte. Ich hatte schon zuhause gut recherchiert und den Friedhofsplan genau studiert. Dass die Brüder eher einen versteckten Ort wählen werden, war zu erwarten. Andererseits ist/war Hamburg ein bedeutender Freimaurer Standort und das Logenhaus am Dammtor ist stattlich und repräsentativ. Also wird die Begräbnisstätte auch einiges zu bieten haben, dachte ich mir. Ich war vor allem auf geheime Zeichen und Symbole neugierig. Hoffte etwas zu entdecken, was über das allgemein bekannte Winkelmaß hinausgeht.

 

 

Ich hatte Glück. Meine Planung war korrekt und als ich am vermuteten Ort in eine dunkle Öffnung zwischen zwei alten Fichten hineinspähe, liegt das gesuchte Grabfeld tatsächlich vor mir. Ich konnte es eindeutig erkennen, denn ich wußte um die Skulptur, die dort aufgestellt war. Eine etwa drei bis vier Meter hohe Figur. Sie zeigt einen Mann, der sich ebenso kraftvoll wie mühsam aus dem Fels heraus stemmt. Sein Name: Die Wahrheit.

 

 

DIE Wahrheit als männliche Figur darzustellen ist auch nicht schlecht. Darauf muß man erst einmal kommen. Egal von welcher Seite man das Ding auch ansieht, es gibt nicht viel her.

 

Ich sage es direkt heraus, diese Skulptur ist kein Meisterwerk. Der Sockel aus brüchigen Zement, das ganze Ding in einem schmutzigen Zustand und irgendwie wenig inspirierend. Ich bin mir sicher, falls der wackere Mann, der hier die Wahrheit darstellt, es jemals schaffen sollte den Stein zu sprengen, dann wird er so schnell von diesem Platz weglaufen, wie er nur kann. Wo bin ich hier bloß gelandet?

 

Vielleicht bin ich jetzt ungerecht, aber von der Seite sieht es aus, als würde er Sackhüpfen.

 

Einige wenige Grabplatten liegen auf dem Rasen verstreut. Es sind jüngere Beisetzungen, darunter viele Frauennamen. Keine einzige Grabstelle ist alt, kein Name ist mir bekannt. Mir kommt die Idee, dass das Ganze ein Schwindel ist. Ein Ablenkungsmanöver für neugierige Besucher. Der Eingeweihte weiß, dass er ein Stück weiter gehen muß, um den wirklichen Friedhof der Johannisloge zu finden. Leider erweist sich das als falsch.

Ich bleibe nicht lange. Dieser Ort ist dunkel, kalt und ohne jede Ausstrahlung. Versteckt, fast verheimlicht, liegt er zwischen zehn Meter hohen Tannen. Kein Schild weist auf den Platz hin. Es scheint, als wären seit Jahren keine Besucher hier gewesen. Aber das stimmt nicht ganz, denn ein frischer Strauß Narzissen wurde der Wahrheit zu Füßen gelegt. Übrigens ziert kein einzige Freimaurersymbol die sehr schlicht gehaltenen Platten, die als Grabsteine dienen. Weder Zirkel noch Winkel, kein allsehendes Auge und schon gar kein Totenkopf. Enttäuschend. Und doch war es vielleicht ganz gut, dass ich heute morgen dort war. Ich glaube ich verstehe langsam, warum mein Großvater den Freimauerern den Rücken gekehrt hat. Goffi, das hast du gut gemacht.

 

Es liegt nicht an mir, sondern an dem Platz. Er ist sehr ‘überschaubar’ und lädt nicht zum Verweilen. Eine etwas triste Ecke, nahe am Bramfelder See.

 

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