Gedenkstätte für die Primus Opfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 

“Nach Hause, nach Hause, nach Hause gehn wir nicht, bis daß der Tag anbricht, der helle Tag anbricht!” So schallte es um Mitternacht über die tiefdunkle Elbe. Niemand ahnte, dass der Wunsch sich nicht erfüllen sollte. Für die fröhlichen Sänger gab es keinen nächsten Tag mehr. Noch aber spielte die Kapelle den Gassenhauer und alle stimmten lautstark in den Refrain ein. Im Rückblick eine fast gespentische Szene, die sich da an Bord des Raddampfers ‘Primus’ ereignete. Er war für einen Tagesausflug von einem Eilbeker Chor namens “Treue von 1887” gechartert worden. Eine der SPD nahestehende Gemeinschaft von Sangesbrüdern, alles einfache Angestellte oder Arbeiter. Sie waren gemeinsam mit ihren Ehefrauen und Kindern zu dem Tagesausflug nach Cranz im Alten Land aufgebrochen und befanden sich nun auf der Rückkehr zu den Landungsbrücken. Es war spät geworden, aber der Tag war so schön, dass niemand nach Hause wollte. Man hatte zusammen gesungen, gegessen und getrunken. Die Nacht lud zum Feiern und Tanzen ein, denn es war sommerlich warm an diesem Abend, dem 20. Juli 1902. Natürlich ein Sonntag, denn nur da hatten die Menschen Zeit sich selbst etwas Aufmerksamkeit zu gönnen. Kapitän Johannes Peters hatte die Gäste am Sperrwerk der Este wieder an Bord genommen und fuhr nun elbaufwärts zurück nach Hamburg.

 

Die Primus hatte über 200 Gäste an Bord. Sie war ohne Frage völlig überladen und sowohl an Bord als auch unter Deck muß es großes Gedränge gegeben haben.

 

Das Schiff, die Primus, war einst eine technische Sensation. Sie war das erste stählerne Dampfschiff auf der Elbe. Man hatte sie 1839 in Blackwall gebaut, was heute ein Teil von London ist. Nun aber, siebzig Jahre später, war der Steamer in die Jahre gekommen und die Maschine nicht mehr im besten Zustand. Für die Fahrt über die Elbe durchaus noch brauchbar, aber nicht bei starker Strömung und genau das machte der Primus auf dem Heimweg zu schaffen. Kapitän Peters wußte, dass die Fahrt am Nordufer weniger beschwerlich sein würde, allerdings wäre das für ihn die falsche ‘Fahrspur’ gewesen. Weil aber einige seiner Gäste bereits am Anleger in Nienstedten aussteigen wollten, mußte er zwangsläufig die südliche Fahrrinne verlassen und kam damit in gefährlichen Gegenverkehr. Verließ er sich darauf, dass so spät in der Nacht niemand mehr unterwegs sein würde? Oder vertraute er auf rechtzeitiges Erkennen der rußigen Öllampen, die als Positionslichter am Mast hängen sollten. Es klingt haarsträubend, aber andere Mittel standen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht zur Verfügung.

 

Kapitän Peters steuerte die Primus vom Este Sperrwerk in Cranz zum Nordufer der Elbe. Vor Nienstedten, gegenüber dem heutigen Airbus Werk, versank der Raddampfer in die acht Meter tiefe Fahrrinne der Elbe.

 

Kurz vor Mitternacht passierte es. Ein Koloß von Schiff tauchte unbemerkt vor der Primus auf. Es war der Seeschlepper Hansa, der seinerseits auch nichts von dem entgegenkommenden Dampfer bemerkt hatte. Eigentlich schwer zu glauben, denn die Gäste an Bord der Primus sangen und musizierten, was nachts weit über das Wasser trägt. Allerdings waren die meisten wohl unter Deck und es ist durchaus naheliegend, dass die Matrosen des Schleppers längst in den Kojen lagen. Mit anderen Worten, niemand hielt Wache. Weder an Bord der Primus noch auf der Hansa. Die Begegnung fand vor Nienstedten statt, dort krachten die Schiffe ineinander. Niemand hatte den anderen kommen sehen und also gab es auch keine Ausweichmanöver. Und so bohrte sich dann der schwere Schiffsrumpf des Schleppers fast wiederstandslos in den Bug der Primus und riß ihr ein gewaltiges Loch in die Schiffshaut. Sofort drang Wasser ein und wer sich unter Deck befand hatte wohl keine Chance zu überleben. Der Aufprall war so gewaltig, dass sich nicht nur beide Schiffe ineinander verhakten, sondern auch noch schlagartig ein Brand ausbrach. Er wurde verursacht von den offenen Feuern, die unter den Dampfkesseln der Primus einheizten, und die beim Aufprall einfach aus ihrer Halterung herausgeschleudert wurden.

 

Oft sind es ganze Famlien, die bei dem Unglück ums Leben kamen und gemeinsam auf dem Ohlsdorfer Friedhof beerdigt wurden.

 

An Bord waren 206 Menschen. Eigentlich war die Primus nur für maximal 172 Passagiere zugelassen, aber man hat es nicht so genau genommen. Die Kinder zählte man wohl nicht mir, da hatte man in Sachen Sicherheit ein Auge zugedrückt, weil man wohl niemanden abweisen wollte. Nett gemeint, aber ein fataler Irrtum. Für die Verunglückten kam jede Rettung zu spät. Die Elbe war hier ungefähr 8 Meter tief, das Ufer ca. 40 Meter entfernt, aber ausschlaggebend war wohl die starke Elbströmung, die auch von guten Schwimmern nicht überwunden werden konnte. Nur wenige hatten es geschafft an Bord des Schleppers zu klettern. Ein weiteres Schiff aus Stade kommend, hatte sofort beigedreht und ebenfalls Passagiere aufgenommen; trotzdem ertrank die Hälfte der Ausflügler. Man zählte schließlich 101 Tote, andere Quellen sprechen von 103 ertrunkenen Menschen. Noch Tage später wurden ihre Leichen an den Strand von Nienstedten und Blankenese angeschwemmt. Es war bis heute die folgenschwerste Schiffskollision auf Hamburger Gewässern. 

 

Zwei Opfer wurden nie gefunden: Adolph Gensler und Louise Lipp. Das dürfte der Grund sein, warum manchmal von 101 Leichen und dann von 103 gesprochen wird.

 

Die Beisetzung der Opfer fand auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. Man hatte ein großes Gemeinschaftsgrab ausgehoben, das noch heute existiert. In der Mitte eine Engelsfigur, darunter Gedenktafeln und rundherum Grabplatten mit den Namen der ertrunkenen Menschen. Oft sind es ganze Familien, die gemeinsam zu dem Ausflug gestartete waren und dann auf dem Heimweg den Tod fanden.

 

Am 1. August 1902 findet ein Trauerzug für die Toten der Primuskatastrophe statt. Die Hamburger erweisen den Opfern die letzte Ehre und säumen die Strassenränder.

 

Es sollen über 100.000 Hamburger die Straßen gesäumt haben, als der Trauerzug vom Lübecker Tor startete. Das Ziel war der Ohlsdorfer Friedhof. Das ist nun mehr als einhundert Jahre her, aber das Schicksal der Menschen ergreift wohl jeden, der davon hört. Und deshalb ist es gut, dass die Trauerstätte für die Primus Opfer nach wie vor erhalten und gepflegt wird. Es ist ein guter Platz um einmal inne zu halten und die eigenen Sorgen neu zu gewichten. Die Grabstätte ist an der Kapellenstraße kurz vor der Ida-Ehre-Allee zu finden. Hinweisschilder weisen den Weg.

 

Hübsches Detail am zentralen Gedenkstein der Anlage