Vor ein paar Wochen bekam ich Fotos zugeschickt. Sie waren auf dem Ohlsdorfer Friedhof aufgenommen worden und zeigten Wildtiere, die dort gut versteckt leben: einige Greifvögel, ein Fuchs und auch Rehe. Leider kann ich sie hier nicht zeigen, denn meine Anfrage auf Veröffentlichung blieb unbeantwortet. Schade, mir gefielen die Bilder sehr gut. Immerhin haben sie meine Neugier geweckt und den Wunsch, selbst auch einmal eine solche Begegnung dort zu haben. Aber wo soll man suchen und zu welcher Tageszeit? – Ich habe heute kein festes Ziel, will aber nicht schon wieder zum Inselteich fahren. Da war ich jetzt oft genug. Also fahre ich daran vorbei und schaue nur mal kurz hin. Und da sehe ich etwas, das meine Neugier weckt. Nun halte ich doch an, packe die Kamera aus und marschiere los. Tatsächlich, die Schwäne sind in ihr Nest zurückgekehrt. Das wundert mich jetzt wirklich, denn man sagte mir, dass die Vögel nach der Brut nicht mehr dorthin zurückkehren werden. Schwäne sind Nestflüchter und können sich vom ersten Augenblick an über Wasser halten.

 

 

Schon vor einem Monat waren zwei Junge geschlüpft und zwei Eier blieben unausgebrütet liegen. Die Schwäne suchten sich dann in einem der Kanäle ein ruhiges Plätzchen, wo sie ihre Kinderstube einrichteten. Die längst abgestorbenen Eier im Nest blieben dort lange liegen. Vor ein oder zwei Wochen waren sie dann plötzlich verschwunden. Das passierte etwa zur selben Zeit, als auch eines der Schwanenkücken offensichtlich verloren war. Heute treffe ich die Alten wieder am Brutplatz an, aber auch das zweite Junge scheint nicht überlebt zu haben. Die Eltern sind alleine. Empfinden sie Trauer? Ist der Versuch erneut zu brüten, -was wohl zeitlich unmöglich ist-, ihre Art den Tod der Kinder zu verschmerzen? Oder interpretiere ich das Gesehen falsch und viel zu sentimental? – Weil es bei mir gleich sonntäglichen Kalbsbraten gibt, enthalte ich mich lieber jeder Kritik. Wer immer die jungen Schwäne auf dem Gewissen hat, hatte gewiß auch nur Hunger.

 

Links die Schwanenmutter im leeren Nest, rechts der Vater in der Mauser. Vom Nachwuchs ist nix zu sehen.

 

Dann fahre ich aber doch weiter. Ich will zum alten Teil des Friedhofs, dort ist viel Waldbestand. Dort vergesse ich schnell, dass ich zwischen Gräbern stehe. In diesem sogenannten Cordes-Teil ist auch der Uhu zuhause, aber ist habe ihn lange nicht gesehen und rechne auch heute mit keiner Sichtung. Das wird wohl erst im Winter wieder klappen, wenn er öfter mal seinen typischen ‘Buuuhuuu’ Ruf ertönen lässt.

 

Hier ist alter Waldbestand im Park stehen geblieben. Man erkennt das Areal nicht auf Anhieb als einen Friedhof. Trotzdem sind auch hier überall Gräber. Man muß ein bißchen suchen, es erinnert mich manchmal an Ostern.

 

Ich fahre noch ein Stück weiter, fast bis zum Haupteingang an der Ohlsdorfer Straße. Das Wetter ist schlecht, es ist noch früh und es sind kaum Leute unterwegs. Weil ich weder Ziel noch Plan habe, lasse ich mich spontan vom Gefühl führen. Reguläre Wege gibt es hier sowieso nicht. Also einfach querfeldein. Und da entdecke ich so manchen bekannten Namen auf einem der großen Grabsteine. Alles bedeutende Hamburger Familien. Es ist in der Tat ‘totenstill’ und mir gefällt das. Aber irgendwie habe ich die ganze Zeit das Gefühl verfolgt zu werden. Man muß aufpassen, denn der Friedhof ist für Überfälle bekannt. Nun bin ich nicht mit einer Handtasche unterwegs, die man mal eben entreissen kann. Aber meine teure Kamera könnte auch verlockend sein. Auf jeden Fall bin ich immer auf der Hut; Achtsamkeit ist eine gute Absicherung gegen alles Unerwünschte. Und alle Sinne zu schärfen ist auch die Voraussetzung, um die Umgebung auch nur halbwegs realistisch wahrzunehmen. Denn da schleicht tatsächlich jemand durch die dichten Büsche. Als ich für eine Sekunde lang freien Blick bekomme erkenne ich ein Reh!

 

 

 

 

Das sind Momente in denen alles stimmt. Glücksgefühl macht sich in mir breit und ich genieße es. Als das Reh weggesprungen ist, gehe ich beschwingt weiter. “Always look on the bright side of life …”, summe ich leise. Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Uhu, aber damit kann ich hier nun wirklich nicht rechnen. Auch er hatte in diesem Jahr viel Pech, ähnlich wie die Schwäne. Dem Uhu ist nämlich während der Balzzeit die Partnerin gestorben. Statt Nachwuchs aufzuziehen, war der Witwer plötzlich ganz alleine. Lange hatte der Vogel im Brutkasten gewartet, dann hat er es wohl endgültig aufgegeben. Wo er jetzt seine Kreise zieht weiß ich nicht, aber ich vermute ihn noch immer im Park des Ohlsdorfer Friedhofs. Und damit liege ich richtig, denn plötzlich schwebt eine Feder vom Himmel hinab. Sie braucht lange, surft jeden Lufthauch wie in der Halfpipe sanft entlang, schaukelt sich immer wieder hoch und landet dann schließlich genau vor meinen Füßen. Das ist ja nicht zu glauben, aber das ist eine Eulenfeder, sehr wahrscheinlich vom Uhu.

 

 

Ich nehme die Feder mit nach Hause. Jetzt steht sie in einem Glaskasten auf meinem Schreibtisch. Sicher ist sicher, denn Vögel haben Flöhe. Einmal habe ich mich infiziert und die Erfahrung machte mich für den Rest meines Lebens schlauer im Umgang mit Federn und auch Futterhäusern. Den Uhu kann ich nicht finden. Ich bleibe noch eine ganze Weile dort, gehe mal in diesen und dann in jenen Weg, aber mir gelingt es nicht ihn in den vielen Bäumen zu sichten. Dafür aber finde ich aber jemand anderen. Da kommt doch tatsächlich noch einmal das Reh vorbei!

 

 

Was für eine Überraschung, denn es ist nicht alleine. Jetzt habe ich freien Blick und da gelingen mir ein paar schöne Fotos. Idyllischer geht’s nicht und das Beste ist, die beiden grasen ganz in der Nähe meiner eigenen Grabstelle. Ja, ich habe mir vor ein paar Wochen ein Grab gekauft. Es ist zwar ziemlich irrational sich Gedanken darüber zu machen, ob man als Tote ein hübsches Plätzchen haben wird, aber es beruhigt ungemein. Was ich gerade sehe, kommt meiner Wunschvorstellung extrem nahe. Wenn man sich schon beerdigen lassen muß, dann ist mir der Besuch von Rehen mehr als willkommen. Für mich macht dieser Gedanke Sinn, denn Sie wissen ja: “Always look on the bright side of life. For life is quite absurd, and death’s the final word. So always look on the bright side of death. Just before you draw your terminal breath. Dü düd, dü düd, dü düüüh …” (Lyrics: James Conway).