Ein Zufallsfund. Ich meine nicht die Grabstelle, sondern den Mann, der hier beerdigt wurde. Das Grab ist mir sofort aufgefallen. Es ist ziemlich groß, wirkt gepflegt und doch sieht man nie frische Blumen. Wahrscheinlich kümmert sich die Gärtnerei um die Anlage. Die Grabstelle wird von einer sicherlich drei Meter hohen Backsteinmauer geprägt. Mittig steht in goldenen Lettern geschrieben: Franz Bach. Mehr nicht. Ich kann mit dem Namen nichts anfangen und schließe eine Verwandtschaft mit dem Komponisten aus. Der hatte mit Hamburg nichts zu tun.

 

Vermutlich ist das die Familie Bach. Mutter und Vater außen und die beiden Söhne in der Mitte dargestellt. Statt Naturstein hat man die beliebte Hamburger Backstein Fassade gewählt.

 

Einige Monate später bin ich mit meiner Kamera in der Innenstadt unterwegs. Ich fotografiere die Fassaden in der Mönckebergstrasse. Besonders fällt mir das Levantehaus auf. Früher war es ein Kontorhaus, heute ist dort ein fünf Sterne Hotel und eine sehr gediegene Einkaufspassage eingezogen. Die schaue ich mir genauer an und mache einige Fotos. Und dann, als ich wieder zu Hause bin und über das Levantehaus nachlese, da stoße ich auf den Namen Franz Bach. Solche Querverbindungen zwischen meinen Projekten stellen sich oftmals ein und das freut mich jedes Mal ganz besonders. Das Grabmahl auf dem Ohlsdorfer Friedhof, alter Teil, wurde für den Architekten Franz Albert Bach errichtet, der 1865 in Sachsen zur Welt kam. (Vielleicht also doch mit dem Musiker verwandt?) Trotz abgeschlossenen Bauingenieurstudiums war das Geld immer knapp und als sein erster Sohn geboren wurde, beschloss die junge Familie die Auswanderung in die USA. Dazu mußte man aber erst einmal einen Auswanderungshafen erreichen und Franz Bach wählte den Weg über Hamburg.

Das muß so um 1885/90 gewesen sein. Damals herrschte in Hamburg reger Bauboom, denn man war dem Zollverein beigetreten und war gerade dabei eine ganze Speicherstadt zu errichten. Und die lag direkt neben der ‘Ballinstadt’, wo alle Auswanderer für einige Wochen leben mußten, bevor sie ihren Dampfer besteigen durften. Franz Bach erkannte sofort die Chance, die sich ihm hier bot. Und er hatte den Mut weitreichende Entscheidungen zu fällen. Statt die Reise in die USA anzutreten, die vermutlich schon angezahlt war, blieb er kurzentschlossen mit Familie in Hamburg und erhielt 1891 den Bürgerbrief. Schnell machte er sich einen Namen als Architekt und baute dann viele der großen Kontorhäuser an der Mönckebergstraße. Beispielsweise den Barkhof und Karstadt. Kaum hatte man den Freihafen etabliert, zog auch schon die Cholera in die Stadt. Das war 1892 und führt dazu, dass das ganze Gängeviertel abgerissen wurde. Hier entstand dann in wenigen Jahren ein neues Viertel, die heutige Innen- bzw. Altstadt. Übrigens damals unter der Leitung von Bürgermeister Mönckeberg. Er hatte die Idee, dass man Hauptbahnhof und Rathaus mit einer Straße verbinden müßte. Daraus wurde dann die zentrale Einkaufsstraße Hamburgs. Das war wirklich ein gewaltiges Bauprojekt und das gilt uneingeschränkt auch noch im Rückblick. 

 

Die Einkaufspassage im Levantehaus. Viele Details wurden wiederverwendet. Der Architekt war Franz Bach, den Wiederaufbau hat sein Sohn geleitet.

 

Franz Bach hatte zwei Söhne, davon trug einer seinen Vornamen. Der wurde ebenfalls Architekt und führte die Arbeit des Vaters nahtlos fort. Als das Levantehaus im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, kümmerte sich Franz jun. Bach um den originalgetreuen Wiederaufbau. Schon 1950 zogen die ersten Mieter ein, darunter die Levante Reederei. Sie war wahrscheinlich die Namensgeberin. Heute ist ein fünf Sterne Hotel Hauptmieter und im Erd- und Obergeschoss findet man die bekannte Einkaufspassage. 

Ich habe mir übrigens meine Grabstelle in unmittelbarer Nähe von Franz Bach’s letzter Ruhestätte gekauft. Deshalb freue ich mich so zufällig über ihn erfahren zu haben. Es ist immer gut, wenn man seine Nachbarn kennt.