Schon seit Anfang Juli war es heiß und sonnig. Es hätte ein schöner Sommer sein können, wäre da nicht der verdammte Krieg gewesen. Wir schreiben das Jahr 1943 und die tödliche Gefahr durch feindliche Angriffe kommt immer näher an die Menschen heran. Die Bomben fielen inzwischen mitten in Wohngebiete, herangetragen von der Luftwaffe. Beideitig, denn erst hatte es London getroffen, jetzt sollte Hamburg brennen.

Die Artillerie und die Infanterie kämpften weit entfernt im Westen und Osten, aber die allierte Luftwaffe der Briten und Amerikaner flog inzwischen tief ins Land und konnte Hamburg leicht erreichen. In den acht Tagen und Nächten vom 25. Juli bis zum 2. August 1943 fielen 8.500 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf den Kern der Hansestadt. Man geht heute davon aus, dass in dieser einen Woche 34.000 Menschen starben, ca. 900.000 obdachlos wurden und ca. 125.000 Hamburger verletzt wurden. In diesen Zahlen wurden nie die Opfer eingerechnet, die lebenslang unter schwersten Traumata litten. Sie hatten die Hölle erlebt und leiden unter den psychischen Auswirkungen bis heute. Viele von ihnen sind bereits altersbedingt gestorben. Aber die Erinnerung bleibt den Augenzeugen ein Leben lang präsent und der Schrecken wird im Alter sogar noch größer. 

An die Opfer der Luftangriffe im Juli 1943 erinnert ein Massengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Es ist von gewaltiger Größe, mit einem brutalen Betonblock in der Mitte und auf den ersten Blick alles andere als einladend. Ich brauchte Jahre, um mich dann doch auf dieses Terrain zu wagen und ich war beeindruckt. Aus der Nähe erlebt, nahm es mich in den Bann. Denn hier geht es nicht mehr um ästhetische Einschätzung, um architektonische Schönheit oder ähnliche Kriterien, hier geht es unmittelbar um den gewaltsamen Tod in Kriegszeiten. Und damit ist der Ort und seine mahnende Aussage leider noch immer aktuell höchst relevant.

 

 

 

Nacht zum 24. Juli 1943

Rund 800 Bomber der allierten Luftwaffe greifen Hamburg an. Ihr Ziel ist der Stadtkern, ihre Orientierung die Nikolai-Kirche. Dieser Zielpunkt wird aber verfehlt und so entlädt sich die erste Bombenfracht über der Innenstadt, Hoheluft, Eimsbüttel und Altona. 

 

 

25. Juli 1943, mittags und nachmittags

Die Flugzeuge kehren bei Tageslicht zurück und nehme sich den Hafen vor. Man zerstört Schiffe, Kaianlagen, Speicher und alles was zum wirtschaftlichen Zentrum Hamburgs gehört.

 

27. Juli 1943, nachts

Der zweite Großangriff wird von 739 Flugzeugen geflogen. Diesmal konzentriert man sich auf die östliche Innenstadt. Die dicht bewohnten Stadtteile Borgfelde, Hamm, Hammerbrook und Rothenburgsort werden fast vollständig zerstört. Wer überlebte, wird von den einsetzenden Flächenbränden getötet. Die Menschen springen in die Kanäle, aber das Phosphor auf ihrer Haut lässt sich mit Wasser nicht löschen. Nicht anders sieht es in Barmbek, Eilbek, Hohenfelde und Wandsbek aus. Dort lassen andere Einheiten ihre Bombenlast fallen.

Meine Mutter ist in dieser Nacht mit ihrer Mutter und Schwester aus der Flammenhölle entkommen. Ihre Wohnung in Barmbek gab es nicht mehr. Sie laufen zum Stadtpark, wo es Wasser zum Trinken und Waschen gab und lagerten sich dort auf die Wiesen. Sie konnten nichts mitnehmen, warten im Schockzustand einfach nur ab. Sie hatten keine Ahnung wo sie hingehen sollten, aber die Sorge wurde verdrängt, denn sie erwarteten nicht, die nächste Nacht zu überleben.

 

 

29. Juli 1943, nachts

Wieder sind es fast 730 Bomber, die vor allem die Stadtteile Barmbek, Uhlenhorst und Winterhude als Ziel haben. Ein Feuersturm rast tagelang durch die Straßen, er erreicht Orkanstärke. Niemand überlebt ein solches Inferno.

Am nächsten Morgen ist die Stadt in ein Flammenmeer getaucht. Eine Rauch- und Staubsäule ragt in den Himmel. Sie ist acht Kilometer hoch und verdunkelt die Sonne, so dass der Tag zur Nacht wird. Meine Mutter erlebt es staunend im Stadtpark, Asche rieselt vom Himmel und färbt die schwitzende Haut dunkel.

 

 

2. August 1943, nachts

Der letzte Großangriff wird von 740 Bombern geflogen. Als sie Hamburg erreichen, entlädt sich zeitgleich ein schweres Gewitter. Künstliches und natürliches Inferno zu selben Zeit, am gleichen Ort. Dantes Inferno kommt einen in den Sinn. Das Wetter stört den Angriff nachhaltig und die meisten Ziele werden verfehlt. Viele Bomben treffen auf bereits zerstörte Gebäude. Aber das ist nicht mehr entscheidend, denn die Stadt ist am Boden. Von den unzähligen Toten können viele nicht mehr identifiziert werden, denn sie sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ganze Stadtteile sind ausradiert. Vom Wohnungsbestand ist rund die Hälfte zerstört. Hamburgs Stadtkern existiert nicht mehr. Wer mit dem Leben davon kam, macht sich auf einen langen Fluchtweg ins Ungewisse auf.

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Die ‘Operation Gomorrha’ basiert auf der ‘Area Bombing Directive’, die bereits im Februar 1942 von der britischen Regierung genehmigt wurde. Sie befiehlt der britischen Luftwaffe ausdrücklich Deutschland “ohne Einschränkungen” zu bombardieren. Also keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. Man hatte aber Skrupel diese Direktive umzusetzen und wartete bis zum Sommer 1943 damit. Die Briten reagierten damit auf die Angriffe der deutschen Luftwaffe. Die fanden in der Zeit vom 7.9.1940 – 16.5.1941 statt. Man bombardierte England, vor allem auch London fast täglich bzw. nächtlich, und rund 43.000 Zivilisten fielen den Angriffen zum Opfer.

Die Hamburger Opfer mußten schnell beerdigt werden. Das warme Wetter förderte die schnelle Verwesung der Leichen und so drohten Epidemien. Man hub in Ohlsdorf große Gruben aus und liess KZ-Gefangene die Toten verscharren. Die vier Massengräber, die kreuzförmig um den mittleren Betonbau angordnet sind, wurden als ‘Ehrenmal für die Hamburger Bombenopfer’ von den Nazis im November 1943 ehrenvoll eingeweiht. Irgendwie sieht man dem Mahnmal die Ideologie an und doch war ich auch sehr berührt. Die Tatsache, dass hier die Nennung einzelner Namen nicht mehr möglich war, sondern Menschen nur noch nach Zugehörigkeit zu einem Stadtteil beerdigt werden konnten, macht das ganze Ausmass des Infernos deutlich. Ganz besonders hat mich das Innere des ‘Betonblocks’ angesprochen, denn dort ist eine Skulptur zu sehen. Eine Gruppe von Menschen wird vom Fährmann (Charon) über den Fluß (Styx) in die Totenwelt (Hades) überführt. Es gibt kein Zurück und das wissen die Totgeweihten. Aber sie reagieren unterschiedlich. Der junge, kraftvolle Mann hadert mit seiner Ohnmacht, das junge Paar hofft auf den gegenseitigen Schutz und die Liebe, für die erfahrene Frau ist nur noch der Trost des Enkelkindes wichtig und ihr Mann dreht der Familie beschämt den Rücken und schaut auf das Leben zurück, das sie alle zusammen in einer einzigen Nacht verloren haben.

 

 

Ein Zwangsarbeiter mit dem Namen Ignacy Blaszczyk, der die Toten geborgen und begraben hat, schreibt später über seine Erlebnisse:

“Nach der Julibombardierung waren wir bei Leichenbergung und Grabungsarbeiten in Hamburg. Mehr als 1.000 Häftlinge waren eingesetzt, und wir haben viele Hamburger geborgen. Gefundenes Geld und andere Wertgegenstände haben die SS-Leute geraubt, die haben uns sogar hartes gefundenes Brot abgenommen und zertreten. Das werde ich nie vergessen. Ich bedaure auch die Menschen, die wir aus den Kellern mehr tot als lebendig gerettet haben und auf die Autos verluden.”

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Gut 200 Meter entfernt vom ‘Ehrenmal der Hamburger Bombenopfer’ liegt ein anderes Gedenkfeld. Ich muß nur die Sorbusallee queren, dann kann ich die unzähligen weissen Grabsteine schon in der Ferne durch die Büsche leuchten sehen. Gerade heute will ich dort auf jeden Fall noch einmal hingehen, denn es handelt sich um den Friedhof britscher Soldaten. Nächste Woche werde ich den Armistice Day, also den Tag des Waffenstillstandes (11.11.1919) in London feiern. Was wohl mein Großvater sagen würde, wenn er mich hundert Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges fröhlich an der Seite der ‘Tommies’ sehen könnte. Er wurde 1888 geboren und war als Offizier an der Westfront, bis ihn ein Schrapnell am Hals traf, tief genug um nach Hause zu kommen, aber nicht tief genug um zu töten. Ich glaube, es würde ihn sehr glücklich machen.