“Einmal sehn wir uns wieder, einmal schau ich auch von oben zu, auf meine alten Tage leg ich mich dankend nieder und mach für alle Zeit meine Augen zu.”, so sang uns Lale Andersen vom Tod des Matrosen, der auf See blieb und sie alleine zurückliess. Der Seemannsberuf birgt wohl mehr als andere Tätigkeiten die Gefahr, dass man weitab der Heimat sterben wird. Heute ist das vielleicht kein Problem, denn Entfernungen können wir problemlos überwinden. Aber vor einhundert Jahren waren andere Kontinente richtig weit weg; fast nicht erreichbar. Und so strandete mancher Matrose in einem Hamburger Krankenhaus, wo er verstarb. Oft war noch nicht einmal das Geld für die Behandlung vorhanden, geschweige denn für eine Grabstelle. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts nahm sich die Seemannsmission dieser Toten an. Sie beschaffte einen Begräbnisplatz in Ohlsdorf und veranlasste dort die Beerdigung. Diese Toten ruhen hier, meistens fernab von ihren Angehörigen.

 

 

Nähert man sich als Besucher von der Strasse, dann weist ein Schild auf die Stelle. Ich aber kam von der Rückseite und erkannte als erstes die alten, ähnlich aussehenden Grabsteine. Erst als ich auf dem Rasen stand, fiel mir das Holzkreuz auf. Ein schlichtes Hochkreuz, dass auch ein Mast auf einem Segelschiff sein könnte. Der Platz wirkte auf mich ein bißchen dunkel, die Gräber unbesucht, nur ein einziger Blumenschmuck war zu sehen. 

Als ich verstand, dass hier vor allem Seeleute aus aller Welt beerdigt sind, erklärte sich mir mein erster Eindruck. Diese Männer, -und ich denke es ist keine Frau darunter-, haben in Hamburg keine Angehörigen. Immerhin scheint der abgeschiedene Ort bei den Vögeln beliebt zu sein. Sie sitzen rundherum in den hohen Bäumen und zwitschern fröhlich. Ein paar Gänse marschierten zwischen den Steinen. Sie liessen sich von mir nicht stören. Aber sie schauten schon verdutzt, denn hier kommen nur selten Besucher vorbei.

 

 

 

Der Eingang zum Seemannsfriedhof wird von einem Stockanker geschmückt. Er ist mannshoch und nicht zu übersehen. Symbolisch drückt er aus, dass hier die toten Seemänner für immer vor Anker gegangen sind. Die meisten Gräber sind über fünfzig Jahre alt, einige wenige aus den letzten zwei Jahrzehnten. Obwohl mein Urgroßvater noch auf einem Segelschiff bis nach Fernost reiste, ist mir die Seefahrt nicht in die Wiege gelegt worden. Im Gegenteil, ich habe großen Respekt vor Wasser, besonders wenn es sich um endlose Ozeane handelt. Nix für mich und deshalb höre ich lieber noch mal Lale Andersen zu und summe mit: “Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht”.