Die ganz große Hitzewelle hat es bis Hamburg nicht geschafft. Noch nicht, die Hundstage kommen noch. Aber polititsch war das Wochenende mehr als heiß. Der G20 Gipfel fand in Hamburg statt. Es waren nur zweieinhalb Tage, aber ich glaube alle sind froh, dass der Spuk vorbei ist. Gewalt, Anarchie und Zerstörung prägten das Treffen. Das Schanzenviertel glich einem Schlachtfeld. Marodierende Banden zogen nachts durch die Stadt und zündeten wahllos Autos an. Alles sehr erschreckend. Wo hat das seinen Anfang genommen? Oder ist es vielleicht nur eine heilsame Lektion für die allzu toleranten Bürger? Ich weiß es ja auch nicht und bin froh nicht zu Schaden gekommen zu sein. Im TV habe ich die Bilder gesehen, voller Gewalt, und die will ich jetzt loswerden. Also mache ich einen Sonntagsmorgenspaziergang auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

 

Dieses Grabmahl liegt am Prökelmoorteich. Statt eines Steines hat man bemaltes Glas aufgestellt. Das sieht in der Sonne wunderschön aus. Eigentlich eine einfache, aber wundervolle Idee. Eines meiner ‘Lieblingsgräber’.

 

Himmlische Ruhe. Alles ist in Ordnung. Ja, sorry, ich mag es, wenn das werktägliche Leben geregelt ist. Sonntags, um im Bild zu bleiben, dürfen sich gerne auch mal Überraschungen einstellen. Wir haben schon die zweite Juliwoche, das nennt man Hochsommer. Überall blüht es üppig, sogar im Wasser leuchten gelbe Teichrosen. Die Sonne bringt die Farben zum Leuchten. Eine bunte Welt macht mich froh. Reflex oder bedingt? Jetzt ist auch die Zeit der Insekten. Überall finden sie Nektar, sammeln ihn fleißig ein und bestäuben ganz nebenbei die Blumen. Fortpflanzung als Nebenprodukt der Lebensfreude. Oder ist das zu optimistisch formuliert?

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Im ‘Garten der Frauen’ finden sich besonders schöne Blumen. Man merkt, dass hier sorgfältig ausgewählt wird. Nirgends duftet es so intensiv. Mal verlockend süß, dann zitrusfrisch oder auch fruchtig. Das kann ich leider nicht fotografieren. Das muß man sich selbst erschnuppern. Die richtige Nase dafür hat ganz sicherlich die kleine Ratte, die etwas versteckt im Garten aufgestellt worden ist. Ich freue mich jedesmal, wenn ich sie sehe. Aber heute fallen mir zum allerersten Mal ihre prachtvollen Schnurrharre auf. Sind die neu? Oder macht es die helle Sonne? Jedes einzelne  Barthaar ist zu sehen. Ich glaube da wurde nachgeklebt.

 

 

Ein Brunnen steht in der Mitte der Anlage. Gerne nutzen ihn die Amseln für ein Morgenbad. Und genau dafür hat man ihn wohl auch installiert. Es ist nicht ganz einfach die spritzenden Tropfen mit der Kamera einzufangen, aber heute ist es mir brauchbar gelungen.

 

 

Ich will noch nach den Schwänen suchen und vor allem nach dem Uhu. Ich habe ihn seit Wochen nicht gesehen. Ich denke es liegt daran, dass das Weibchen gestorben ist und der Uhu nun ganz alleine ist. Lange hielt er sich am Balzplatz auf, aber jetzt ist seine Geduld aufgebraucht. Ich denke, dass er noch immer ganz in der Nähe ist, aber suchen Sie mal einen Uhu in einem so großen Park. Da sind verdammt viele Bäume. Auch heute habe ich kein Glück, gehe aber doch noch einmal ein paar kleine Wege auf gut Glück entlang. Und dann sehe ich ihn tatsächlich! Da drüben sitzt er auf einem Ast. Die Sonne lässt seine Kontur hell aufleuchten, daran konnte ich ihn erkennen. Was für eine Überraschung, allerdings nicht ganz so wie erhofft.

 

Ganz in der Nähe sitzt der Uhu. Die Sonne verrät ihn. Ich sehe deutlich seine Silhouette. Dann die Enttäuschung. Aus anderer Perspektive ist es nicht mehr als ein gebogener Zweig!

 

Schnell noch zu den Schwänen. Ihr Versteck kenne ich und unser Treffen klappt auch heute. Tief im Grün versteckt, finde ich die Familie. Ich wäre fast an ihnen vorbeigelaufen, aber sie machen laute Geräusche, wenn sie an den Wasserpflanzen zupfen und das konnte ich hören. Als erstes sehe ich den etwas größeren Vater. Dann wird auch gleich die Mutter mit den beiden Jungen folgen.

Richtig vermutet. Schon schiebt sich eines der Kücken ins Bild. Der kleine Schwan, es ist der mit dem grauen Schnabel, ist schon wieder ein Stückchen gewachsen. Seine Federn sind noch immer kuschelige wie ein Fell. Dann kommt auch schon die Mutter angeschwommen. Ein schönes, friedliches Bild, denke ich mir und bleibe eine Weile stehen. Aber so langsam macht sich ein Verdacht breit, den ich gar nicht gerne bestätigt haben möchte. Da fehlt eines der Kücken. Es müsste längst zu sehen sein. Ich gehe ein bißchen weiter und habe dann Gewissheit. Die Schwanenfamilie hat nur noch ein Junges. Sie nehmen es ganz eng in die Mitte. 

 

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Mein Sonntagsspaziergang neigt sich dem Ende zu und ich bin froh ihn gemacht zu haben. Man bekommt den Kopf frei, tankt Sonne und damit auch neue Energie. Und dann holt mich doch der Alltag schneller ein, als erwartet. Als ich noch auf dem Gelände des Friedhofs in die Strasse einbiege, die mich direkt zum Ausgang bringt, staune ich nicht schlecht. Da stehen unzählige Polizeifahrzeuge hintereinander geparkt. Viele davon haben ein GÖ-Kennzeichen, das heißt Landkreis Göttingen. Das sind die Verstärkungstruppen, die in den letzen beiden Nächten in Hamburg hautnah den Strassenkampf erlebt haben. Die Autos sind leer, die Frauen und Männer sind vielleicht zum Frühstück im gegenüberliegenden Café. Ein merkwürdiger Anblick. Direkt vor dem Krematorium ist massenhaft viel Polizei präsent. Verrückte Zeiten. 

 

 

Noch ein ganz persönlicher Gedanke:

Auf der Heimfahrt höre ich Nachrichten. Der Gipfel ist beendet, die Staatschefs sind alle wieder in ihren Heimatländern. Trotzdem gingen die Krawalle auch in der letzten Nacht in Hamburg weiter. Viele der Chaoten sind dafür extra angereist. Sie kommen aus Skandinavien oder vom Mittelmeer. Man kann nur hoffen, dass sie ihren ‘Abenteuerurlaub’ heute beenden. – Ein ganz anderer, sehr willkommender Gast, hat sich kurzfristig angemeldet. Frank-Walter Steinmeier, der Bundespräsident, kommt aus Berlin angeflogen und guckt sich die zertrümmerten Geschäfte in der Schanze (Hamburger Stadtteil) an. Er wird Geld mitbringen und sicherlich auch Trost. Der Justizminister denkt darüber nach, härtere Strafen gegen Gaffer zu verhängen. Man kennt es von Unfällen, dass Unbeteiligte ohne jedes Mitgefühl ihrer Neugier nachgeben und Fotos am Unfallort machen. Dabei blockieren sie nicht selten die Rettungskräfte. Dasselbe passierte jetzt bei den Krawallen. Ein regelrechter ‘Voyeur-Tourismus’ macht sich breit. Menschen die alles hautnah sehen wollen, fotografieren wollen, aber niemals innerlich teilnehmen. Charakterlich unterste Schublade und diese Egomanen sollen künftig hart bestraft werden. Dagegen ist nichts einzuwenden, oder? Nein, gewiß nicht, allerdings drängt sich mir eine unangenehme Frage auf:  Sind wir nicht längst alle zu Gaffern geworden? Wer widersteht dem TV-Brennpunkt, der zum Glück zeitversetzt in beiden öffentlich rechtlichen Anstalten abends zu sehen ist? Wo man die schlimmsten Szenen aus den Nachrichten noch einmal im Detail präsentiert bekommt. Sie finden das widerlich? Ich auch, und doch habe ich es gestern Abend, zusammen mit Millionen anderer Deutscher, beim Abendessen aufmerksam angesehen. Zur Information oder um die Sensationslust zu befriedigen?

 

“Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.” – Gilt auch für Ideen, Träume und Erlebnisse. Die Bank steht vor dem Krematorium. Gestiftet von den Steinmetzen und der Gärtner-Genossenschaft.