Der Mann hieß wirklich so. Es war nicht die lateinisierte Form seines Namens, denn als er diese zur Immatrikulation an der Universität brauchte, hat er noch ein zusätzliches ‘IUS’ an den Vornamen gehängt. Da sich aber der Vater schon als Hamburger Arzt einen Namen gemacht hatte, gab es auch gar keinen Grund für eine Änderung. Vincent wurde 1642 geboren und starb im Alter von 57 Jahren, wenige Monate vor Beginn des 18. Jahrhunderts. Er war ein gelehrter Mann, studiert, erfahren im Rechtswesen und lehrte u.a. am Hamburger Johanneum. 

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof finde ich sein Grab nahe am Haupteingang gelegen. Es ist eines der vielen, die den sogenannten Althamburgischen Gedächtnisfriedhof bilden. Eine barocke Gartenanlage zu Füßen der großen Christusstatue. Von den fast einhundert Grabstätten, die hier geometrisch angeordnet sind, sollen nur acht Einzelgräber sein. Eines davon gehört Vincent Placcius.

 

Der Althamburgische Gedächtnisfriedhof ist aus Satellitensicht als Kreuz erkennbar. Das Grab von Placcius wird von dem Schild markiert. Die Jesus Statue steht am oberen Ende des Kreuzes.

 

Als Vincent 1699 starb wurde er an der Domkirche beigesetzt. Vielleicht hatte er sogar einen Platz in der Gruft gefunden. Dann, 1804, überführte man die Gebeine auf den Begräbnisplatz in St. Georg. Als auch der zu klein wurde, war eine erneute Umbettung nötig. Genau zweihundert Jahre nach seinem Todesjahr fand Vincent die letzte Ruhe auf dem Friedhof in Ohlsdorf. Weil hier tatsächlich seine Gebeine erneut begraben wurden, hat man hinter dem eher dekorativen Gedenkstein auch die eigentliche Grabplatte platziert. Sie ist mit einer hübschen, geschwungenen Handschrift geziert und verdeckt das eigentliche Grab.

 

Der Gedenkstein von Vincent Placcius. Gleich dahinter liegt die eigentliche Grabplatte flach auf dem Rasen. Darunter die Gebeine, soweit noch etwas vorhanden sein sollte.

 

Als Vincent sechs Jahre alt wurde, war endlich der Dreißigjährige Krieg durch den Westfälischen Frieden beendet. Eine Schlacht unvorstellbaren Ausmasses, die Spuren in ganz Deutschland hinterlassen hatte. Wer sich mit Familiengeschichte beschäftigt, weiß, dass die Vorfahren fast nie über diesen Zeitpunkt hinaus verfolgt werden können. Grund ist die Zerstörung der Kirchen und damit auch der Kirchenbücher und die Zerstörung ganzer Landstriche. Wer überlebte, mußte in aller Regel die Gegend verlassen, denn es gab weder Vieh, noch Ernten oder Brennmaterial. Auf der anderen Seite entwickelte sich in den intakten Städten ein Bedürfnis nach Bildung, Wissenschaft und Kunst. Wer es sich leisten konnte schickte die Söhne zur Universität. Vincent stammte aus solch einer privilegierten Familie. Mehrere seiner Vorfahren waren erfolgreiche Kaufleute und anerkannte Bürgermeister von Hamburg. Weiter unten füge ich einen Ausschnitt des Stammbaums ein.

 

Links liegt die Grabstelle am Weg, die direkt auf die Christus Statue zuführt. Eine der beiden Achsen des kleinen barocken Gartens.

 

Vincent Placcius hat nie geheiratet und so starb er kinderlos. Während seiner Studienjahre machte er europaweite Reisen, sprach fehlerfreies Französisch und Italienisch, und hatte sogar einige Jahre als Bibliothekar in Padua gearbeitet. Sein Vorname wurde traditionell in der Familie seiner Mutter vererbt. Und deshalb gab es einen Onkel namens Vincent Garmers, Der war zu zweifelhafter Bekanntheit in Hamburg gekommen, nachdem er sich schriftlich über den dänischen König beschwerte und ihn dabei auch gleich noch beleidigte. Das hatte Folgen und man setzte ein Kopfgeld auf seine Gefangenennahme aus. Trommler zogen durch die Stadt und verkündeten die Suche nach ihm. Prompt zog der Pöbel zu seinem Haus am Gänsemarkt und verwüstete es mehr oder weniger. Vincent, also der Onkel, konnte fliehen und schickte seine Tochter (!)  zum Hamburger Senat, um mit den Herren seine Zukunft zu verhandeln. Die Ratsherren verwiesen den mutlosen Vater auf Ewig aus der Stadt. Trotzdem gelang es Vincent Garmers dann doch noch beim Kaiser Eindruck zu erwecken. Der schlug ihn 1662 zum Ritter. Schließlich kehte der Geschasste an die Elbe zurück und starb dort in “trübseligen Verhältnissen”. Ein ziemlich abenteuerliches Leben. Aber für den Enkel, Vincent Placcius, gilt das ganz und gar nicht. Er wurde hochgeachtet und mit allen Ehren in seiner Vaterstadt beerdigt. Man sieht, filmreife Biografien gab es schon damals. Auch und gerade in der ‘besseren Gesellschaft’. 

 

Inschrift auf dem Gedenkstein und rechts die Grabplatte, hinter dem Stein liegend. Ihre Gravur ist kaum noch zu erkennen.

 

 

Was zu Vincent Placcius’ Lebzeiten in Hamburg passierte

[one-third-first]

1664: Der Hamburger Rat stellt die Alsterschwäne unter Schutz. Wer die Vögel fängt, tötet oder auch nur belästigt, macht sich der ‘Majestätsbeleidigung’ schuldig. Er hat mit einer harten Strafe zu rechnen. Dasselbe gilt noch heute in London, dort sind die Schwäne Eigentum der Königin. 

Übrigens gibt es in beiden Städten einen ‘Schwanenvater’. In London sind das natürlich ‘Royal Guards’ in schicker Uniform. Bei uns wird seit 1818 amtlicherseits auf die Schwäne aufgepasst.

[/one-third-first]

[one-third]

1671 tobt der Schweinekrieg. Grund ist die jährliche Eichelmast im Sachsenwald. Sowohl Lübecker als auch Hamburger Schweine fressen sich dort den Winterspeck an. Die Holsteiner Herzöge meinen aber, dass die Hamburger Vierbeiner zu viele Eicheln auffressen. Prompt schicken sie ihre Soldaten. Es kommt zu Tumult, aber dann beruhigen sich die Gemüter. Nur ein Hamburger Reiter bricht sich ein Bein beim Rückzug. Nun, damals wohl auch keine harmlose Blessur.

[/one-third]

[one-third]

1673 werden die ersten Straßenlaternen in Betrieb genommen. Bin Tran befeuert, erhellen sie die Nacht rund um die St. Jacobi Kirche. Die Sache funktioniert, kostet aber Geld. Also erliess man eine Leuchtenordnung und erhob auf Grund dieser eine Abgabe. Schon finanzierten die Bürger die öffentliche Beleuchtung und daran hat sich bis heute nichts geändert. Immerhin, die Handlampe brauchte man jetzt nicht mehr mitzunehmen.

[/one-third]

 

 

Die Vorfahren von Vincent Placcius

Die Mutter, Margaretha Garmers, ist mit bekannten Hamburger Familie verwandt. Darunter auch die Kaufmannsfamilie Moller, die einige Hamburger Bürgermeister stellten. Die Tafel lässt sich per Doppelklick vergrößern.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.