Die Familie von Ohlendorff kenne ich schon sehr lange. Nie bin ich einem Mitglied persönlich begegnet, aber immer war ihr Name irgendwo und irgendwie präsent. Schon als Kind las ich ihren Namen auf einem der Strassenschilder, die ganz in der Nähe meine Elternhauses stand. Das war in Rahlstedt. Dann zog ich in die Walddörfer und dort traf ich überall auf den Namen. Kein Wunder, denn die Familie hatte hier gelebt. Heute trägt das ehemalige Volksdorfer Ortsamt den eindruckvollen Namen ‘Ohlendorff’sche Villa’. Man kann auf der Terrasse und im Garten vor dem Haus Kaffee und Kuchen verspeisen oder einfach einen Rundgang durch das Haus machen. In dem kleinen Herrenhaus lebte Hans von Ohlendorff, in der Nachkriegszeit. Schließlich habe ich den Namen der Familie auf dem Ohlsdorfer Friedhof wieder gefunden. Ich hatte einen langen Spaziergang gemacht, mich ein bißchen im alten Teil verlaufen, also dort wo hohe Tannen stehen und es manchmal ganz schön dunkel sein kann, und da stand ich plötzlich vor der beeindruckend großen Grabanlage. Erst später realisierte ich, dass ich die Rückseite längst kannte. Sie wirkt viel kleiner, denn man ahnt nicht, dass sich hier auf drei Flügeln diverse Grabstellen verteilen. Ich denke hinter jeder Namensplatte ist der Sarg tief in den Bau hinein aufgebahrt. Die Anlage ist einzigartig, von großer Strenge geprägt und irgendwie ein wenig düster. Aber das mag an den hohen Tannen liegen, die rundherum stehen und sicher damals, als das Grab gebaut wurde, viel kleiner waren. 

Weil ich mich jahrelang mit der Familienforschung beschäftigt habe, -und übrigens auch dort mehrfach auf den Namen der Familie von Ohlendorff stieß-, habe ich Lust die Anlage einmal im Detail vorzustellen. Fangen wir also am linken Flügel an und arbeiten uns bis zur rechten Seite durch. Am Giebel lesen wir den Namen ‘Heinrich Freiherr von Ohlendorff’ und damit ist natürlich der Hamburger Kaufmann gemeint, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum größten Guano Importeur des Reichs aufstieg. Er war auch Investor und Zeitungsverleger und gehörte zu den vermögensten Männern der Stadt.

 

 

 

 

Die Namen auf dem linken Flügel der Anlage

 


Irene
Antonia Henriette Eichmann wurde am 03.07.1887 in Hamburg geboren. Sie war die Tochter des Hamburger Kaufmanns Otto Eichmann. Ihre Mutter hieß Anita Eggers Petersen. Irene heiratet 1948 Hans von Ohlendorff. Sie lebten in der Volksdorfer Villa, die ich bereits erwähnte. Die Ehe blieb kinderlos, was nicht wundert, denn Irene war bereits 61 Jahre alt, als sie ihren sieben Jahre älteren Mann heiratete. Irene starb im Alter von 64 Jahren im Jahre 1964.

Heinrich Hans von Ohlendorff hätte ich gerne kennengelernt. Alles was ich über diesen Mann lese, hört sich interessant an. Er war Freimaurer, sehr musikalisch, spielte selbst die Orgel und war mit namhaften Künstlern und Schaffenden eng befreundet. Zum Kummer seiner Mutter hat er nie geheiratet, ging dann erst im hohen Alter die Ehe mit Irene Eichmann ein. Er lebte im Elternhaus in Volksdorf. Nach deren Tod liess er das Haus abreissen und lässt die Villa nach seinen Wünschen erstellen, wie sie bis heute zu sehen ist. Der Grundriss und etliche Details zeigen deutliche Hinweise auf die Symbole und Regeln der Freimaurer. Zu Lebzeiten hat er sich kaum dazu geäußert, was nicht wundert, denn während der Nazizeit wäre es lebensgefährlich gewesen. Heute ist es kein Geheimnis mehr, dass er Mitglied der Johannisloge ‘Zum Pelikan’ gewesen war. Hans von Ohlendorff wurde 86 Jahre alt, starb aber nicht an Alterschwäche, sondern wurde Opfer eines Verkehrsunfalls. 

 

 

 

Adela Magdalena Baronin von Ardenne, geb. Mutzenbecher. Eine Baronin, das lässt aufhorchen. Aber auch der Name Mutzenbecher hat einen mehr als guten Klang. Die aus dem Süden vertriebene Familie hat sich sehr schnell in der hanseatischen Kaufmannschaft etabliert und war sowohl in Hamburg als auch in Lübeck erfolgreich tätig. Und beim Namen ‘Ardenne’ kommt einem wohl als erstes der Naturwissenschaftler Manfred Baron von Ardenne in den Sinn. Und damit liegen wir sehr richtig, denn er war der Sohn dieser Frau. Wo findet sich nun aber die Verbindung zu der Familie von Ohlendorff. Nun, da müssen wir auf die Eltern von Adela schauen. Sie ist die Tochter von Dr. jur. Matthias Mutzenbecher und Magdalena von Ohlendorff. Adela wurde am 21. April 1885 geboren und starb am 21. Februar 1978

Hanna Mutzenbecher, geb. Hesse ruht neben Adela von Ardenne, die ich familiär nicht zuordnen kann. Sie gehört aber derselben Generation an, denn sie wurde 1890 geboren und starb am 14. Oktober 1983.

Und schließlich die Mutter von Adela Mutzenbecher: Magdalena Elisabeth Mutzenbecher, geb. von Ohlendorff.  Sie war die Tochter des Freiherrn von Ohlendorff, also des Guano Kaufmanns, und ganz sicher eine der besten Partien in der Hansestadt. Ihre Wahl fällt auf den Advokaten Dr. Matthias Mutzenbecher, den sie im Mai 1883 heiratet. Er ist der Sohn des Arztes Dr. Mutzenbecher, der sich in seiner Freizeit intensiv mit der Familienforschung beschäftigt hat. Magdalena schenkt drei Söhnen und einer Tochter das Leben. Die Kinder werden zwischen 1884 und 1897 geboren. Bei der Geburt des Nachzüglers Hans Esdras kommt es zu Komplikationen und Magdalena stirbt an den Folgen. Da war sie erst 33 Jahre alt und man mag sich gar nicht vorstellen wie groß der Verlust für Mann und Kinder gewesen sein muß. Ihr Mann heiratet nie wieder und lässt seinen Namen und den der vor ihm verstorbenen Kinder auf eine Grabplatte mit seiner Frau eingravieren. Ein Zeichen der über den Tod hinausreichenden Verbundenheit der Familie.

  • Matthias Mutzenbecher lebte vom 20.09.1849 bis zum 20.01.1933 in Hamburg. Er machte sich u.a. verdient als Vorstandsmitglied der Philharmonischen Gesellschaft.
  • Franz Matthias Mutzenbecher war der Vater von Matthias. Er war praktischer Arzt in Hamburg und verheiratet mit Adele Theodora von Melle.
  • Adele Theodora Mutzenbecher, geb. von Melle, war die Mutter von Matthias. Ihr Vater war der Senator Theodor von Mutzenbecher. Adele wurde im Juni 1826 geboren und starb im Alter von 69 Jahren, im Oktober 1895. 
  • Walther Esdras Mutzenbecher, geb. 1853, gest. 1871. Ich kann ihn nicht zuordnen, denke aber, dass er ein Bruder von Matthias gewesen sein kann. Sicherlich ein naher Angehöriger.

Vergessen wir nicht Egbert Esdras Mutzenbecher, 28.12.1923 – 03.06.1945. Ein Soldat, ein junger Mann, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg verstorben ist. 

 

 

 

Heinrich’s Tochter Susanne von Ohlendorff heiratet den Hauptmann Ludwig Waizenegger. Sie haben vier Kinder, drei sterben jung. Die ‘Spanische Grippe’ fordert den Tod von zwei Kindern binnen vier Tagen. Die Ehe scheitert schließlich und wird 1905 geschieden. Susanne hat klug gehandelt, vielleicht auf Rat des Vaters, indem sie Herrin ihres Geldes blieb, dass sie in die Ehe mitgebracht hatte.

 

 

Die Namen auf dem mittleren, zentralen Teil:

 

 

Frieda von Ohlendorff ist eine weiter Tochter von Heinrich und seiner Frau Elisabeth, geb. Martens. Frieda war musikalisch hochbegabt und galt als sehr begabte im Geigenspiel. Sie heiratet in die preußische Offiziersfamilie von Hoverbeck ein. Ihr Mann Andreas, trägt den Titel eines Freiherrn und kämpft als königlich preußischer Oberst im ersten Weltkrieg. Als der verloren geht, nimmt er sich noch in Kiew aus Gram über die Niederlage das Leben. Für mich schwer nachvollziehbar, es waren halt andere Zeiten und es galten offensichtlich andere Werte. Die Schwiegermutter, Kamilla von Buddenbrock, ist eine Freiin aus dem Hause Pläswitz. Frieda wechselte also von der hanseatischen Kaufmannswelt in den preußischen Adel. Ich denke, dass das ein ziemliches Kontrastprogramm war, das man erst einmal verstehen und dann leben muß.

 


 

In der Mitte das offene Mausoleum mit den Sakrophagen von Heinrich Freiherr von Ohlendorff und seiner Frau Elisabeth.
Da drüber das Familienwappen und der Sinnspruch zur Ehe. Ganz so harmonisch ging es nicht immer zu, der Freiherr konnte zornig werden, aber seine kluge Frau wußte ihn stets zu erden.

 


 

 

 

Walter von Ohlendorff ist mir auf Anhieb sympatisch und das nicht nur, weil er ein begeisterter und begabter Fotograf ist. Er studiert Philosophie, promoviert und verliebt sich in eine Frau, die von seinen Eltern als nicht standesgemäß eingestuft wird. Man hatte sich eine bessere Partie für den Sohn gewünscht hätten. Man erhoffte sich eine Schwiegertochter mit reicher Aussteuer, damit frisches Geld in die Familienkasse einfliessen kann. Das konnte Elsa Bourjau nicht bieten. Prompt verweigern die alten von Ohlendorffs die Teilnahme an der Hochzeitsfeier und erwarten das auch von ihren anderen Kindern. So kommt es, dass Heinrich’s Sohn Walter seine Elsa ohne Beisein der Familie heiratet, was auch gar nicht wichtig ist, solange die beiden sich lieben und glücklich sind. Und das ist offenbar eingetreten, denn nach langer Zeit gelang es dann doch, dass Elsa von der Familie ihre Mannes in den engeren Kreis aufgenommen wurde. Traurigerweise stirbt Walter im jungen Alter von 40 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Elsa bleibt mit zwei Kindern alleine und lebt ein langes Leben. Sie stirbt im April 1962 im Alter von 86 Jahren.

 

 

Die Namen auf dem rechten Flügel:

 

 

Clara Elisabeth ist die älteste Tocher von Heinrich von Ohlendorff. Sie heiratet Hugo Montû, der gut 15 älter als sie ist. Er scheint die Gunst des Schwiegervaters zu haben, denn er bekommt von Heinrich das Gut Saalau in Westpreußen geschenkt. Damit lässt sich ein gute Junkerleben führen, wenn man es gut bewirtschaftet. Die Ehe scheint nicht glücklich zu sein, irgendwann will Clara die Trennung und lässt sich scheiden. Das geht allerdings finanziell gründlich schief, denn der gewitzte Hugo hat sichergestellt, dass alle Ansprüche am geschenkten Gut Saalau, ausschließlich ihm gehören. Clara’s Vater, Heinrich, tobt. Das Geschäft ging gründlich schief.

 

 

 

Die Grabplatte von Gertrud Elisabeth von Ohlendorff ist etwas isoliert im Familiengrab zugeordnet worden. Sie scheint ein bunter Paradiesvogel gewesen zu sein, ihre Biografie ist spannend. Gertrud war das siebte Kind von Heinrich von Ohlendorff und wahrscheinlich konnte sie von den älteren Geschwistern in vielerlei Hinsicht profitieren. Da waren die üblichen Machtkämpfe zwischen Eltern und Nachwuchs längst ausgefochten. Gertrud wuchs auf längst eroberten Terrain auf. Sie brachte es auf vier Ehen. Sie begann jung, mit zwanzig Jahren, als sie Magnus von Abercron das Ja-Wort gab. Er stammt aus dem preußischen Grabow und war nicht viel älter als Elisabeth. Die Ehe hielt nicht lang, es folgte eine erste Scheidung. Ehemann Nummer zwei war ein echter Freiherr, genau wie der Vater. Er trug viel Vornamen, wovon ich Otto wähle, Freiherr von Raßler von Gamerschwang. Auch er war nicht viel älter als Gertrud und auch diese Ehe war nach rund zehn Jahren beendet. Diesmal durch den frühen Tod des Ehemannes. Nun folgte Armin Freiherr von Gaisberg-Schöckingen und die unheimliche zehn-Jahres-Serie riss nicht ab. Auch Armin verstarb und so folgt schließlich Joan Alfred Eduard Burkhard Karl Hermann Emil von Hülst, der ebenfalls nicht alt werden sollte. Ihn ereilte der Tod 1933 und die Hochzeit kann frühestens 1929 stattgefunden haben. Zwei Jahre später starb dann auch Gertrud von Ohlendorff, im Alter von 66 Jahren. Ihre Mutter, Elisabeth Martens, stellt ihr kein gutes Zeugnis aus. Sie hielt die Tochter für ‘sonderbar’ und verantwortungslos, klagte über ihre Verschwendungssucht und Oberflächlichkeit. Gertrud hatte wohl nur eine Tochter aus ihrer ersten Ehe mit Magnus von Abercron.

 

 

 

Die Familie von Hoverbeck gehört zum preußischen Adel. Die Männer wählten die Offizierslaufbahn und dienten mit Stolz ihrem König. Die Verbindung entstand durch die Ehe der Tochter Frieda von Ohlendorff mit Andreas von Hoverbeck (siehe oben). Die Kaufmannsfamilie Mutzenbecher verband sich mit den von Ohlendorffs durch die Ehe von Heinrich’s Tochter Magdalena mit dem Juristen Dr. Matthias Mutzenbecher. Auch diese Personen hatte ich bereits weiter oben vorgestellt. – Am Fuß dieser Tafel, die ganz am Rand des rechten Flügels zu finden ist, ruht ein vertrockneter Kranz. Irgendjemand hat ihn vor langer Zeit hier abgelegt. Ansonsten scheint das Familiengrab nicht besucht zu werden, wenn auch die Anlage sicherlich gärtnerisch regelmäßig gepflegt wird.

 


 

Das Familiengrab Heinrich von Ohlendorff ist sicherlich einen Besuch wert. Es ist eine stattliche Anlage, in dieser Form einmalig auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Es ist im alten Teil zu finden, tief versteckt hinter dichten Tanne. An dunklen Tagen ist es finster, aber an einem sonnigen Sommertag glaubt man sich ganz alleine, mitten in der Natur. Wenn man es gefunden hat, ist es eine gute Idee, noch einmal den Weg zu suchen, um hinter das Mausoleum zu kommen. Steht man nämlich dort, sieht die Sache ganz anders aus. Man kommt gar nicht auf die Idee, dass das Bauwerk nur der mittlere Teil ein viel größeren Grabanlage ist. Also auf jeden Fall zweimal hinschauen, dann entgeht einem nix.